Bericht zur Veranstaltung “Feminismus und Care-Arbeit” vom 26.03.2018

Mit dem Erstarken des Rechtspopulismus gibt es selbst in DIE LINKE Stimmen, die fordern, dass Identitätskämpfe zugunsten von Klassenkämpfen zurückgestellt werden sollen. Damit ist auch der Feminismus gemeint, obwohl dieser nicht nur (oder nicht mal primär) ein Identitätskampf ist. Emanzipationsbewegungen gegeneinander auszuspielen macht außerdem keinen Sinn und absurd wird diese Forderung, wenn man sieht, wie eng etwa Geschlechterverhältnisse und Kapitalverhältnis miteinander verbunden sind. Dies zeigt sich besonders gut im Bereich der Care-Arbeit, weshalb unsere erste Veranstaltung im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Die Linke und der Feminismus“ zu diesem Thema stattfand. Hierzu haben wir Jette Hausotter (Care-Revolution Netzwerk: https://care-revolution.org/), Alexandra Wischnewski (Referentin für feministische Politik der Linksfraktion im Bundestag) und Silvia Habekost (Berliner Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus: https://volksentscheid-gesunde-krankenhaeuser.de/) eingeladen.

Das Care-Revolution Netzwerk besteht aus über 80 Gruppen und Personen und strebt langfristig „neue Modelle von Sorge-Beziehungen und eine Care-Ökonomie an, die nicht Profitmaximierung, sondern die Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum stellt, und die Sorgearbeiten und Care-Ressourcen nicht nach rassistischen, geschlechtlichen oder klassenbezogenen Strukturierungen verteilt.“ In dem Vortrag wurde eine Krise der Care-Arbeit diagnostiziert. Diese Krise betrifft unbezahlte und kommerzielle Care-Arbeit, private, marktförmige und öffentlich institutionelle. Sie besteht unter anderem darin, dass es zu einer Leistungsverdichtung im Care-Sektor kommt unter der die Beschäftigten leiden und die Versorgung der Menschen. Hinzu kommt, dass Reallöhne sinken und der Arbeitsdruck erhöht wird, aber gleichzeitig mehr private Sorgearbeit geleistet werden muss, weil soziale Infrastrukturen zusammengekürzt werden und die Armut steigt. Grundsätzlich fehlt es an Zeit und Geld, um gut für sich und andere zu sorgen. Eine Grundursache hierfür ist die Tendenz im Kapitalismus, dass Arbeitskräfte möglichst billig sein sollen und daher die nötige Reproduktionsarbeit privat und unbezahlt stattfinden soll, gleichzeitig das Kapital aber auch versucht weitere Märkte zu finden und eine Kommodifizierung der Sorgearbeit vorantreibt. Care-Arbeit lässt sich jedoch kaum rationalisieren, weshalb Sorge arbeitsintensiv und teuer bleibt. Die trotzdem stattfindenden Rationalisierungsversuche führen zu einer Überlastung der Beschäftigten, unbezahlt Sorgearbeitenden und zu einer schlechten Versorgung der Menschen. Der historische Umstand, dass (unbezahlte) Care-Arbeit Frauenarbeit gewesen ist, führt dazu, dass auch heute noch Care-Arbeit eher weiblich besetzt ist und abgewertet wird – auch dort wo sie bezahlt wird. Hierbei gibt es keine „best practices“ im Kapitalismus, wie Care-Arbeit organisiert werden muss. Daher genügt eine Kapitalismusanalyse nicht, um den Care-Bereich zu verstehen. Die Verteilung und Bewertung der Tätigkeiten ist hochgradig politisch umkämpft und Ergebnis historischer patriarchaler Strukturen, die aufgebrochen werden müssen. Daher genügt es auch nicht Care-Arbeit angemessen zu bezahlen. Die Unterscheidung von Produktionsarbeit und Reproduktionsarbeit muss fallen gelassen werden  und Geschlechterrollen verändert oder abgeschafft werden. Sorgearbeit muss ins Zentrum der Diskussionen kommen und kann dabei auch den normativen Rahmen für andere Arbeitsbereiche vorgeben. Dann geht es darum für die Bedürfnisse der Menschen zu arbeiten und produzieren, genug Zeit und Geld für die gute Sorge um sich und andere zu haben. Weiterhin benötigt es soziale Infrastrukturen ohne Ausgrenzungen, die in staatlicher Hand oder in Selbstverwaltung sind.

Die Umsetzung dieser Forderungen gestaltet sich im parlamentarischen Betrieb äußerst schwierig. So berichtete Alexandra Wischnewski davon, wie versucht wird an einzelnen Punkten anzusetzen. Sei es Arbeitszeitverkürzung, Recht auf Teilzeitarbeit, Mütterrente oder bessere Arbeitsbedingungen im Pflegebereich. Dabei stellt sich jedoch heraus, dass verschiedene Bereiche „Herrschaftsknoten“ (Frigga Haug) bilden, die nicht durch das ziehen an einem Ende gelöst werden, die dadurch mitunter eher noch gefestigt werden. Sie müssen als Zusammenhang gedacht werden und als solcher gelöst werden. Die Struktur parlamentarische Arbeit ist jedoch von einer Segmentierung inhaltlicher Felder geprägt, die es erschwert Zusammenhänge zu thematisieren. Die Zusammenführung der Bereiche ist deshalb ohne außerparlamentarischen Druck kaum möglich. Dennoch plädiert sie für eine „revolutionäre Realpolitik“ (Rosa Luxemburg) als eine Transformationsstrategie, bei der überlegt wird, was wir jetzt tun können, um einen Weg einzuschlagen, der zu einer größeren feministischen Transformation der Gesellschaft führt. Hierzu gehört etwa eine bedürfnissorientierte Ökonomie, für die es in DIE LINKE jedoch keine hegemoniale Perspektive gibt. Auf internationaler Ebene ist die Austeritätspolitik ein verheerendes Problem für den Care-Bereich, wie es sich etwa in Griechenland in extremer Form beobachten lässt. Auch die Verlagerung der Care-Arbeit auf ausländische günstigere Arbeitskräfte hebt die geschlechtliche Aufteilung nicht auf, sondern verlagert sie nur auf weibliche Migrant*innen. Die Arbeitsverdichtung und der Druck auf die Löhne kann so aufrecht gehalten werden.  Gleichzeitig fehlen dann etwa in Ländern wie Griechenland die qualifizierten Arbeitskräfte.

Silvia Habekost hat abschließend von den Problemen im Krankenhaus berichtet und den Volksentscheid gesunde Krankenhäuser vorgestellt, den mittlerweile auch DIE LINKE unterstützt. Hierbei lassen sich die Probleme der Kommodifizierung von Gesundheit und Pflege in Krankenhäusern im Rahmen von Privatisierung, Profitorientierung und Umstellung auf Fallpauschalen gut beobachten. Es kommt zu völliger Überlastung der Beschäftigten, weshalb viele in Teilzeit gehen. Auch eine gute Versorgung der Patienten ist nicht mehr möglich, obwohl dies langfristig mit hohen Kosten verbunden ist. Pflegearbeit wird versucht vom Krankenhaus in den Privatbereich zu verlagern. Ein fester Personal-Patienten-Schlüssel, wie er im Volksentscheid gefordert wird, wäre immerhin ein Schritt in die richtige Richtung.

Abschließend lässt sich im Anschluß an Jette Hausotter sagen:
Das Scheitern im Care-Bereich ist kein individuelles, deshalb muss man sich organisieren. Einzelne Reformen gehen oft zulasten anderer, deshalb braucht es Solidarität. Kapitalismus und Patriarchat verursachen die Probleme, deshalb müssen sie abgeschafft werden.

Für eine Care-Revolution!

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